Worldcongress of the Hedonist International

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KEINE MEHR – ein dokumentarisches Theaterstück über Solidarität
2022-05-27 , Space
Language: Deutsch

Das Treffen zwischen 3 Expertinnen bildet das Fundament des Theaterstücks “KEINE MEHR” von der Bühne für Menschenrechte. Sie erklärten sich bereit, ihre Betroffenheit, ihren Kampf und Wünsche für ein Stück über Gewalt an Frauen zu thematisieren und dokumentieren, ohne Opfernarrative zu bedienen.

“Gewalt ist Gewalt”. Wie diese Gewalt jedoch ermöglicht und eingeordnet wird in einer Gesellschaft, die von Rassismus, Klassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist, ist unterschiedlich.


Sprache: D und EN (mit Übertitel in D, EN, TR)

Das Stück wurde konzipiert aus der langjährigen Idee heraus, ein dokumentarisches Theaterstück über Gewalt an Frauen zu machen. 2019 war die Zeit gekommen, diese Idee in die Tat umzusetzen.
Während der Recherche stellte sich schnell heraus, dass das Thema Gewalt an Frauen und weiblich gelesenen Personen ein sehr komplexes ist. Dabei waren zwei Fragen zu klären:

Was ist eine Frau?
Was ist Gewalt?

Jahrhundertelanger Diskurs in Frauenrechts- und Frauenkampfkreisen haben keine eindeutige Antwort darauf geliefert. Daraus erschloss sich, dass es unmöglich ist, in einem 70-minütigen Stück den Diskurs in seiner Komplexität und sich immer wieder verändernden Grenzen und Begrifflichkeiten in Gänze darzustellen, geschweige denn, eine Antwort zu liefern.

Der Ansatz, der für das Theaterstück gewählt wurde, konnte darum nur ein persönlicher sein. Nicht nur stehen Frauen auf der Bühne, die als Betroffene ihren Weg und ihren persönlichen Umgang mit dem Thema darstellen. Bei einer Betroffenheitsrate, die jede dritte Frau in Deutschland einschließt, ist jede Person im Publikum entweder betroffen oder kennt eine Frau, die betroffen ist.

Das Stück spricht ein Publikum an, dem das Thema zwangsläufig geläufig ist. Ein erklärendes, das Thema einleitendes Stück ist nicht möglich - wir befinden uns mit unseren Protagonistinnen, Schauspielerinnen, Diskussionspartner*innen und dem Publikum bereits mitten in einem vielschichtigen, laufenden Diskurs.

In der Konsequenz ergab sich, dass ein Stück, das die Stimmen von Betroffenen amplifizieren soll, inhaltlich von Betroffenen, die sich in diesem Diskurs auskennen, bestimmt werden muss. “Expertinnen aus Erfahrung” werden diese Frauen in der Selbsthilfe genannt. Expertinnen, die selbst betroffen sind, ihre Erfahrungen verarbeiten, einordnen und damit in der Lage sind, ihre Betroffenheit zu kontextualisieren. Die Frauen sind selbst im Frauenkampf aktiv und arbeiten zum Teil selbst mit Betroffenen, um ihre Expertise zu teilen und anderen Frauen zu helfen. Ihre Aussagen und Kritik können sie damit einem Publikum zugänglich zu machen, ohne vielfach in den Medien und in der Politik favorisierte Opfernarrative zu bedienen und sich dabei opferisieren zu lassen. Auch darum werden im Stück keine Tathergänge erzählt.

Der Kontakt zu den Protagonistinnen - Expertinnen aus Erfahrung - ergab sich über Kontakte zu unterschiedlichen Organisationen, die bereit waren, für ein Stück über Gewalt an Frauen mit der Bühne für Menschenrechte zu kooperieren: Women in Exile e.V., GKB - Bundesverband der Migrantinnen e.V. und Wildwasser e.V.

“Gewalt ist Gewalt”, sowohl für eine geflüchtete Frau als auch für eine migrantische Frau als auch für eine deutsche Frau, die sexualisierte Gewalt in der Kindheit erfahren hat. Wie diese Gewalt jedoch ermöglicht und eingeordnet wird in einer Gesellschaft, die von Rassismus, Klassismus und patriarchalen Strukturen geprägt ist, ist sehr unterschiedlich.
Die Expertinnen erklärten sich bereit, in zum Teil mehreren Gesprächen ihre Sichtweisen darzulegen, ihre Betroffenheit, ihren Kampf und Wünsche für ein Stück über Gewalt an Frauen zu thematisieren.

Während der Sichtung der Gesprächsprotokolle entstand der Drang, die Frauen nicht nur auf der Bühne zusammen zu bringen. Die Protagonistinnen sollten auch “im echten Leben” über ihre unterschiedlichen Betroffenheiten und ihren Kampf in den Austausch treten. Dafür wurde im September 2021 ein zweitägiges Treffen zwischen den Protagonistinnen und dem Produktionsteam organisiert. Während des Treffens wurden nicht nur Inhalte, sondern auch Formen der künstlerischen Umsetzung besprochen. Am Ende des Treffens führten die Protagonistinnen ein mehrstündiges Gespräch untereinander.

Das Treffen zwischen den Protagonistinnen bildet das Fundament des Stücks “KEINE MEHR”. Unterfüttert mit Aussagen aus den Vorgesprächen entstand ein Stück wie ein Gespräch: mal vertraut, mal fremd, mändernd, abgehackt, systemisch, anekdotisch. Immer mit einem zugrundeliegenden Aufruf zur Solidarisierung von und mit betroffenen Frauen, egal wie unterschiedlich ihre Geschichten sind.

Solidarität ist ein großes Wort, dessen Anspruch auch das Stück nicht immer erfüllen kann. Das Stück präsentiert den Wunsch nach Verständnis, aber auch einen Appell an eine Gesellschaft, in der Frauen immer noch zehn Mal aussprechen müssen, bis ihnen jemand glaubt.

Eli Pleß studierte erst Physik und dann Schauspiel. Sie schreibt und inszeniert Performances und Theaterstücke mit Kindern, Jugendlichen und Profis unterschiedlicher Sparten - im freien Theater, im Gefängnis, an polit. Orten. Sie arbeitet überzeugt in der freie Szene und gegen Machtstrukturen. Seit 2013 ist sie bei der Bühne für Menschenrechte. In den letzten 2 Jahren hat sich die Bühne selbst ermächtigt und neu formiert. Ihr neues Stück „KEINE MEHR“ hat die Bühne gemeinsam im wundervollen Team und mit Expert*innen für Gewalterfahrungen entwickelt.

Die Bühne für Menschenrechte erzählt in dokumentarischen Theaterstücken und in non-hierachischer Arbeitsweise von und mit Expert*innen von Menschenrechtsverletzungen.